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"Wie ein Hirsch lechzt nach Wasser ..."

Palm 42 und 43 werden in der historischen Auslegung stets als Einheit und als ein einziges Psalmengebet gesehen. Wegen des intensiven Zwiegesprächs mit Gott, das darin anklingt, und wegen des permanenten Changierens zwischen Gottesnähe und Gottesferne nimmt dieser Text innerhalb des Psalters eine besondere Stellung ein und hat daher besonders häufig als Inspiration für exegetische und musikalische Ausdeutungen gedient. Auch der Interreligiöse Chor Frankfurt unter der Leitung der Kantoren Bettina Strübel und Daniel Kempin widmete diesen beiden Psalmen ein gemeinsames Konzert, übrigens bereits das achte in der Reihe der „Tehillim-Konzerte“. Hinter diesem Aufführungszyklus steht die Idee, die vielfältigen Vertonungen und Interpretationen einzelner Psalmen in der jüdischen und christlichen Tradition vorzustellen. Bei dem 8. Konzert am 2. November im Dominikanerkloster gab es jedoch eine Neuerung, denn in einer Textcollage wurden erstmals auch Koranverse mit Versatzstücken aus den Psalmen verwoben. Seit längerem schon gehören dem Interreligiösen Chor auch muslimische Sänger an.

Die Zahl der Komponisten, die Psalm 42 und 43 vertont haben, ist umfangreich: So erklangen an diesem Abend Werke von Buxtehude, Bach, Händel, Mendelssohn-Bartholdy, Lewandowski, Yehezkel Braun, Nick Page sowie eine Melodie der Bratzlawer Chassiden. Für den Chor, dem fast ausschließlich musikalische Laien angehören, eine enorme Herausforderung, die er mit Bravour meisterte. Unter den Solisten stach der warme, kraftvolle Alt der persisch-deutschen Sängerin Schirin Partowi heraus. Das von ihr gegründete Avram-Ensemble, eine Formation von Musikern, die sich dem Crossover von Jazz, Liturgie, traditionellen Melodien und Weltmusik verschrieben hat, wird ebenfalls von der EKHN Stiftung gefördert.

Als dann Serap Ermis, eine der drei muslimischen Sängerinnen im Chor, einen Jahrhunderte alten liturgischen Gesang anstimmte, wurde es vollkommen still im großen Saal des Klosters: So fremd und doch vertraut klang diese Weise. Die Koranverse, die zuvor zitiert wurden, offenbarten indes, worin sich der Islam von Juden- und Christentum unterscheidet: Sein Gottvertrauen und seine Zuversicht wirken unerschütterlich; den Zweifel, der für die beiden anderen Weltreligionen heute nicht mehr auszublenden ist, scheint er (noch) nicht zu kennen - jene Frage: "Wo ist Gott, wenn Leid geschieht?", wie es Rabbiner Jonathan Magonet formulierte. Der frühere Direktor des Leo Baeck College für Jüdische Studien in London schilderte sehr humorvoll und pointiert das jüdische Gottesverhältnis und strich die Unterschiede zum Christentum deutlich heraus. So ist das Klagen im Judentum seiner Ansicht nach eher statthaft als unter Christen, da "die Welt ja noch gänzlich unerlöst" sei, während mit dem Erscheinen Jesu auf der Erde für Christen bereits die Idee der Erlösung manifest geworden sei. Auch hätten die Juden ein eher pragmatisches Verständnis des Bundes mit Gott, der einem Vertrag gliche, dessen Einhaltung für beide Seiten obligatorisch sei. Wenn es daher zu schlimm auf der Welt zugehe, dürfe man als Jude Gott durchaus einmal an seine vertraglichen Pflichten erinnern. Leider gelang es Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur an der Frankfurter Goethe-Uni, nicht, diesen Darlegungen ein ebenso klarkonturiertes christliches Selbstbild entgegenzuhalten. Vielmehr hob Wiese, was vermutlich auch in seiner Doppel-Venia als Judaist und evangelischer Theologe begründet sein mag, die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionen hervor, und so bildete sich, als dann noch ein Gastchor aus Eritrea einen Gospel voller Lebensbejahung und Daseinsfreude vortrug, als Geamteindruck die Einsicht heraus, dass die Menschen aller Konfessionen und Kontinente doch viel mehr eint als trennt.