Auf bald, mein Kind!

27. September 2021

Anhand sechs einzelner Biografien, darunter die Lebensgeschichte der berühmten Sexualwissenschaftlerin und -pädagogin "Dr. Ruth" Westheimer, die als Kind aus Frankfurt in die USA übersiedeln konnte, anhand vieler Fotos, Dokumente und Comicdarstellungen zeichnet die Ausstellung die Lebenslinien der geflüchteten Kinder und ihrer Familien nach. 

Unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung versuchten viele jüdische Familien, aus Deutschland zu flüchten. 1938 bot sich den verzweifelten Menschen die Möglichkeit, zumindest ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Neben der so genannten Jugend-Aliyah, der von der Berliner Rabbinerfrau Recha Freier organisierten Auswanderung von Kindern und Jugendlichen nach Palästina, sind die sogenannten „Kindertransporte“ die zweite großangelegte Rettungsaktion, der viele jüdische Jungen und Mädchen ihr Leben verdankten. Jüdische Wohlfahrtseinrichtungen versuchten auf diesem Wege, so viele Kinder wie möglich in Sicherheit zu bringen. Die Warteliste war lang, nicht allen Familien bot sich diese Chance. Die rettenden Kindertransporte brachten etwa 19.000 Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Aufnahmeländer, wobei Großbritannien mit etwa 10.000 Kindern die meisten Flüchtlinge aufnahm. Andere Zielländer der Kindertransporte waren die Schweiz, Belgien, die USA und die Niederlande.

Es müssen fruchtbare, schmerzvolle Abschiedsszenen gewesen sein. Denn weder Eltern noch Kinder wussten, ob sie einander je wiedersehen würden. Dennoch hegten viele die Hoffnung, dass die Trennung nur für kurze Zeit sein würde – was leider in den meisten Fällen eine trügerische Hoffnung blieb. Oft wurde es ein Abschied für immer, denn die Älteren oder Erwachsenen, die zurückbleiben mussten, wurden fast alle in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Zur Erinnerung an die vielen Abschiede und Trennungsszenen verfolgter jüdischer Familien, die sich Ende der 1930er/Anfang der 1940er Jahre am Frankfurter Bahnhof abspielten, erinnert künftig das Mahnmal der israelischen Künstlerin Yael Bartana – ein Holzkarussell, das zum Gedenken an die Kindertransporte in der Nähe des Bahnhofsgebäudes aufgestellt werden soll. Das funktionsfähige Spielgerät ähnelt dem Modell, wie es in den 1920er und -30er Jahren auf Spielplätzen in Europa sehr beliebt war, und darf benutzt werden, allerdings setzt es sich nur sehr schwer und verlangsamt in Bewegung. Ein sorgloses Spielen wird bewusst ausgebremst.

Eingeschrieben in das Karussell sind die Abschiedsworte der Kinder: „Auf Wiedersehen, Mutter“, „Auf Wiedersehen, Vater“ und der letzte Gruß der Eltern: „Auf bald, mein Kind!“ Das Karussell dreht sich, wie ein mächtiges Schicksalsrad, die Plätze sind begrenzt, so dass nicht alle mitfahren können, und es macht noch einmal ebenso ungezwungen wie schmerzlich deutlich, dass es wirklich Kinder waren, die der familiären Geborgenheit entrissen wurden und in einem fremden, fernen Land künftig auf sich allein gestellt sein würden. Überleben – kein Kinderspiel. 

Das Waisenkarussell wird am Donnerstag, 2. September, 10, Uhr in einem Festakt im Jüdischen Museum offiziell eingeweiht.

Begleitend zu dem Projekt erscheint demnächst (lieferbar voraussichtlich ab dem 25.10.2021) im Wallstein Verlag der Band "Kinderemigration aus Frankfurt am Main. Geschichten der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung", herausgegeben von Sylvia Asmus und Jessica Beebone.

Die Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek kann ab dem 2. September besichtigt werden:

Montag bis Freitag 9 bis 21.30 Uhr; Samstag 10 bis 17.30 Uhr. An Sonn- und Feiertagen geschlossen. Der Eintritt ist frei. Bis zum 15. Mai 2022.