Real wie eine göttliche Erscheinung

11. August 2020

Michelangelo schuf die berühmteste Version einer Pietà: Bis heute gilt seine Skulptur der Muttergottes, die den vom Kreuz abgenommenen Jesus in ihren Armen hält, als eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Rom und lockt Jahr für Jahr Tausende Touristen in den Petersdom.

Der in Frankfurt lebende Maler, Grafiker, Objekt- und Video-Künstler Thomas Bayrle greift das Motiv der Pietà ebenfalls auf. Für das Kloster Eberbach im Rheingau gestaltet der 82-Jährige ein Glasfenster, in dem sich die Konturen Marias mit dem Leichnam Jesu aus unendlich vielen kleinen Waben oder Zellen zusammensetzen, bei denen es sich um aus Glas nachgebildete Smartphones handelt. Deutlich sicht-, aber nicht greifbar, real, aber dennoch unwirklich, erscheint die Gestalt im Fenster wie eine Epiphanie, wie eine Erinnerung oder Mahnung an das, was mit der Kreuzigung geschah – tiefreligiös und hochmodern zugleich. Damit trifft Bayrles Arbeit genau die Intention des Auftraggebers, der Kloster Eberbach Stiftung, die mit der exemplarischen Wiederherstellung eines der Arkadenfenster zwar zeigen will, wie der Kreuzgang des Klosters vor seiner sukzessiven Demontage im 13. oder 14. Jahrhundert einmal ausgesehen haben mag, aber dennoch diese Restaurierung nicht als museale oder historisch getreue Rekonstruktion gedeutet wissen möchte. Gerade indem Bayrle ein zeitgenössisches Element wie das Smartphone als zigfach redupliziertes Element verwendet, aus dem sich das ganze Bild zusammensetzt, macht er deutlich, dass die der Pietà innewohnende Frömmigkeit auch heute aktuell sein kann.Das Fenster wird Ende September/Anfang Oktober 2020 eingesetzt werden.