Der Patriarch und seine Töchter

11. Juli 2020

Otto trägt immer eine kleine Tasche bei sich. Darin befinden sich alle wichtigen Dokumente, um sich legitimieren zu können – „falls wir mal deportiert werden sollten“, begründet der pensionierte Ingenieur diese Vorsichtsmaßnahme. Otto ist jüdisch und Überlebender der Shoah. Mit seiner Frau und seinen Kindern hat er Jahrzehnte lang ein ganz unauffälliges bürgerliches Leben in München geführt, aber jetzt ist er alt und krank und verlangt, dass sich die beiden, mittlerweile erwachsenen Töchter Timna und Babi täglich um ihn kümmern. Mit Witz und Selbstironie erzählt die 1985 geborene Autorin Dana von Süffrin diese tragikomische Familiengeschichte, die sicherlich enge verwandtschaftliche Ähnlichkeiten zu ihrer eigenen Familie besitzt und die gleichzeitig auch etwas Typisches oder Symptomatisches einzufangen versucht. „Otto“ handelt von dem immensen Lebensmut der jüdischen Überlebenden und ihrer Kinder und Kindeskinder in ihrem Bestreben, so etwas wie ein „normales“ Familienleben in Deutschland zu führen. Ein Versuch, der auch 75 Jahre nach Kriegsende ein mitunter irrwitziges, mitunter hoffnungsvolles, mitunter aber auch vergebliches Unterfangen bleibt.