"Personen, nicht Gehirne"

16. November 2018

Mehr als 1400 Menschen waren der Einladung zum Symposium „Eine Welt ohne Seele und Freien Willen?“ am 9. Februar 2013 gefolgt, so dass im Audimax des Unicampus Westend der Frankfurter Goethe-Universität nahezu alle Plätze besetzt waren. Im Anschluss an jeden Vortrag meldeten sich zahlreiche Zuhörer zu Wort, um Fragen zu stellen oder um mit den Referenten zu diskutieren. Allen voran die 220 Schüler aus Hessen und Rheinland-Pfalz, die sich ja im vorgeschalteten Schülerseminar intensiv mit dem Thema Neuroboom auseinandergesetzt hatten und nun mit den Experten in einen lebhaften Dialog eintraten, der beiden Seiten sichtbar Spaß bereitete.

Die sechs Vortragenden – Wolf Singer, Thomas Metzinger, Andreas Meyer-Lindenberg, Hauke Heerkeren, Eilert Herms und Hannah Monyer – stellten jeweils ganz unterschiedliche Forschungsfelder und –richtungen innerhalb der Neurowissenschaften vor und vermittelten damit einen großartigen Eindruck von der Vielfalt und dem Facettenreichtum dieser relativ jungen Disziplin. Und von deren inneren Widersprüchen, für die es wohl auf absehbare Zeit keine Lösung geben wird.

So existiert etwa für Wolf Singer „keine Entität jenseits der Neuronen“, was wir wahrnehmen und erkennen ist das Ergebnis von „Wolken voller Aktivität in einem sich selbst organisierendem System“. Doch räumte der weltberühmte Hirnforscher gleichzeitig ein, dass man immer noch auf der „Suche nach einem neuronalen Korrelat zu bewussten Zuständen“ sei.

Und Thomas Metzinger, Philosoph und Neuroethiker, wies auf das Paradox hin, dass Computer zwar menschliche Groß- und Weltmeister im Schach schlagen können, es aber immer noch nicht gelungen sei, einen Roboter zu entwickeln, der gleichzeitig auch die Schachfiguren auf dem Brett zu führen vermag.

„Demut“, wie Hannah Monyer es nannte, ist also auch für Neurowissenschaftler kein unbekanntes Gefühl, und Achtung gegenüber diesem „wunderbaren System“ namens Gehirn, „das so gut gemacht ist, dass ich nur glücklich darüber sein kann, so etwas zu haben“ (Singer). Und das, woran Thomas Metzinger erinnerte, sehr verletzlich ist: „Ein geplatztes Blutgefäß in Ihrem Gehirn, und die Persönlichkeit, die Sie bislang waren, kann ausgelöscht sein.“

Eilert Herms, emeritierter Theologieprofessor aus Tübingen, unternahm es, den Menschen als Person in ihrem unmittelbaren, subjektiven Erleben, dessen Horizont auch kein noch so gescheiter Wissenschaftler überschreiten kann, gegen eine neue Unschärfe inmitten aller neuronalen Wolken, Feuer und Gewitter in Schutz zu nehmen: „Es sind keine Gehirne, sondern Personen, die Hirnforschung betreiben. Und als Personen bleiben wir verantwortlich. Wir können uns nicht an unsere Gehirne entlasten“, warnte der Theologe.