Annäherung an das Andere

27. September 2021
Eröffnungsgottesdienst zur Ausstellung „Die anderen“ mit den Werken der Preisträger 2020 im Wettbewerb der Kunstinitiative der EKHN
Sonntag, 29. August 2021, 10 Uhr
Kreuzkirche, Walkmühltalanlagen 1, 65195 Wiesbaden

Kunst ist nicht länger „Magd“ der Religion. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich von dieser untergeordneten Rolle emanzipiert und beansprucht Autonomie sowohl in ihrer Aussage als auch in der Wahl ihrer gestalterischen Mittel. Gleichwohl bleiben Kunst und Religion in ihrem Ziel miteinander verbunden, das Unsagbare zu fassen und das, was nicht zu verstehen ist, in einer Annäherung durch Töne, Farben, Formen und Gleichnisse auszudrücken. Das macht den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Kirche so spannend.  

Genau diesen Dialog möchte die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit Hilfe eines mit insgesamt 45.000 Euro dotierten Kunstpreises fördern. 2021 wird der Preis der „kunstinitiative" zum zweiten Mal verliehen. Die Förderung richtet sich an junge Kunstschaffende, die mit dem Preisgeld die Möglichkeit erhalten, ein eigenes Projekt zu einem vorgegebenen Thema in einem Kirchenraum zu verwirklichen. Mehr als 30 Künstlerinnen und Künstler wurden Ende 2019 zu einem Wettbewerb eingeladen, um sich in ihren Entwürfen mit dem Thema „die anderen“ auseinanderzusetzen. Anfang 2020 wurden aus den Entwürfen von einer unabhängigen Jury die drei Gewinner ausgewählt. Aber wegen der Corona-Pandemie musste die Präsentation der Projekte um ein Jahr verschoben werden, was sich vielleicht auch als Glücksfall erweist. Denn durch die aktuelle Debatte über Identitätspolitik hat die Frage, wer „die anderen“ sind, noch einmal an gesellschaftlicher Brisanz gewonnen.

Die Preisträger sind: Jonas Grubelnik; Ivana Matić und Patrick Wüst.

Grubelnik (Jahrgang 1978) wird in die Marktkirche im Zentrum Wiesbadens eine textile Installation einbauen, die den Raum und damit auch die Gemeinde in zwei Bereiche bzw. Gruppen unterteilt: „Wir“ und die „Anderen“. Was zusammen zu gehören schien, ist plötzlich durch eine willkürliche Grenzziehung voneinander getrennt.

Ivana Matić (geboren 1986 im ehemaligen Jugoslawien) hat in Serbien auf traditionelle Weise Keramikfliesen brennen lassen und wird diese zusammen mit Zeichnungen auf dem Boden der Wiesbadener Bergkirche auslegen, die von Alltagsgegenständen, Mustern und Motiven ihrer alten Heimat inspiriert sind. Als Kind hat sie im Bürgerkrieg miterlebt, wie aus Nachbarn und Bekannten plötzlich „die anderen“ und aus Freunden Feinde wurden. Aber auch diese Koordinaten verloren ihren Sinn, als sie im Alter von 15 Jahren als Flüchtling in Deutschland eintraf. Was also bleibt als Eigenes, das es abzugrenzen und zu bewahren gilt gegenüber einem irgendwie gearteten „Anderen“? 

Patrick Wüst (Jahrgang 1993) lädt in seiner Videoinstallation zu einer imaginären Reise an verlorene Orte ein. Die Grundlage bilden Bilder von Onlinekartendiensten, die den Eingriff des Menschen in die Natur zeigen, angesichts des Klimawandels ein hochaktuelles Thema. Sind es „die anderen“, die schuld sind an der Zerstörung unseres Planeten? Oder müssen wir uns verändern, zu „anderen“ werden, um diese Zerstörung noch aufzuhalten? Doch Wüsts Installation ist mehr als ein moralischer Appell. Diese Arbeit stellt die viel weiterreichende Frage nach der Realität dessen, wovon wir uns „ein Bild machen“, das betrifft auch unser Bild von den „anderen“.   

Begleitend zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches und vielseitiges Veranstaltungsprogramm. Näheres finden Sie unter www.ekhn-kunstinitiative.de
 

EKHN Kunstinitiative 2021