Das Schicksal ist ein Kreisel

16. November 2018

Er ist ein Symbol des Zufalls und Glücks, wie der Würfel: Während des achttägigen Lichterfestes („Chanukka“) spielen jüdische Kinder mit dem „Dreidel“, einem kleinen Kreisel, auf dessen vier Flächen vier hebräische Buchstaben angebracht sind, die jeweils als Anfangsbuchstaben für die vier Wörter des Satzes: „Großes Wunder geschah dort“ stehen. Gemeint ist damit das unerklärliche Phänomen, dass nach dem Sieg der Makkabäer über die Griechen der große siebenarmige Leuchter im Tempel acht Tage lang mit nur einem kleinen Tropfen Öl am Brennen gehalten wurde, bis endlich neues Öl in Jerusalem eintraf. Blindes Würfelspiel des Schicksals: Auch das Überleben während der Schoah verdankte sich oft genug dem Zufall oder dem kleinen Quäntchen Glück, das dem Einen zu Teil wurde, dem Anderen aber nicht.

Das mag auch die Bildhauerin Filippa Petterson, 1987 in Schweden geboren und Absolventin der Frankfurter Städelschule, dazu bewogen haben, den Dreidel als Vorbild für ihre Skulptur zu wählen, die an das Schicksal des Jüdischen Kinderhauses und seiner Bewohner im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen erinnern soll.

Am 26. April 2017 wurde die Bronzeplastik in der Hans-Thoma-Straße, dort wo sich zwischen 1919 und 1942 das Jüdische Kinderhaus befunden hatte, offiziell enthüllt. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann sagte in seiner Ansprache: „Wir gedenken damit der vielen Kinder und derer, die sich um ihr Wohl sorgten. Viele von ihnen wurden in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.“ Ursprünglich als Heim für bedürftige Kinder gedacht, nahm das Jüdische Kinderhaus nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten mehr und mehr Kinder auf, deren Eltern durch Berufsverbote und Ausgrenzungen in Not geraten waren oder die bereits ihre Flucht vorzubereiten versuchten. Im September 1942 wurde eine große Gruppe von 43 Kindern samt ihren Betreuerinnen und Betreuern nach Theresienstadt deportiert; damit war das Ende dieser Einrichtung beschlossen. Nur sechs Kinder überlebten; das Schicksal der Anderen liegt im Dunkeln verborgen.

Historische Recherchen ergaben, dass die Existenz dieses Heims sowie das Wissen um das Schicksal seiner Bewohner und deren Betreuer unter den Nachbarn und Anwohnern in diesem Viertel nicht bekannt waren. Daraufhin gründete sich eine Initiative von Sachsenhäuser Bürgern, die gemeinsam mit der Stadt Frankfurt die Realisierung des Denkmals voranbrachte. Zu dessen offizieller Einweihung waren auch Angehörige der ehemaligen Mitarbeiter und Bewohner des Kinderheims nach Frankfurt gekommen.