Geisterstunde in der Weihnachtsnacht

10. Dezember 2019

Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte ist vermutlich eine der berühmtesten Erzählungen in der englischen Literaturgeschichte. Entstanden 1843, wurde „A Christmas Carol“ sofort ein großer Publikumserfolg. Im Mittelpunkt steht der alte, geizige Ebenezer Scrooge, den Habgier und Selbstsucht zu einem einsamen Menschen gemacht haben und der sogar beim Fest der Liebe kein Mitgefühl mit den Armen und Bedürftigen in seiner Umwelt zeigt. Bis ihm in der Weihnachtsnacht der „Geist der vergangenen Weihnacht“ erscheint und ihn mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert. Scrooge erschrickt furchtbar und beginnt, ein anderer Mensch zu werden. Diese Umkehr und Verwandlung ist es, die die Theatergruppe der evangelischen Stadtkirchengemeinde in Schlitz an Dickens‘ Text fasziniert hat, weshalb sie diesen Prosatext für ihre neueste Inszenierung ausgewählt hat. Denn darin liegt für viele Christen das Geheimnis von Weihnachten: Gott hat sich in einen Menschen verwandelt, damit auch wir uns verwandeln und mehr Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl entwickeln – angesichts von Klimawandel, Artensterben und vermüllten Meeren scheint das dringend geboten zu sein. Dickens Weihnachtsgeschichte weckt die Hoffnung, dass diese Umkehr oder Verwandlung tatsächlich gelingen kann. Die Aufführungen finden in der Schlitzer Stadtkirche statt, auf einer Bühne vor dem Altar und neben dem Taufbecken. Die Kirche mit ihren Symbolen dient dabei nicht nur als Kulisse, sondern ist vielmehr Teil der Inszenierung, so dass auf der Bühne selbst mit reduziertem Bühnenbild gearbeitet wird. Und die Gespenster und Dämonen, von denen sich Scrooge gejagt fühlt, sind am Ende nichts anderes als sein Erschrecken über sich selbst.